„Für den Notfall sind wir bestens gerüstet“

Dr. med. Nils Proksch ist für die medizinische Betreuung der Spielerinnen bei den MSC Hamburg Ladies Open verantwortlich.

Foto: Asklepios. 

 

Seit Mai 2026 fungiert Dr. med. Nils Proksch als Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Sportorthopädie an der Asklepios Klinik St. Georg. Gemeinsam mit seinem Team übernimmt er die medizinische Betreuung der Profiathletinnen beim Turnier am Hamburger Rothenbaum – einem Event, bei dem sportliche Höchstleistung und Verletzungsrisiko eng beieinanderliegen, wie Proksch im Interview berichtet.

Herr Dr. Proksch, normalerweise leiten Sie als Chefarzt eine Abteilung mit festen Strukturen. Am Rothenbaum betreuen Sie erstmals die Elite des Damentennis. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Die Tätigkeit am Center Court weicht natürlich von unserem Klinikalltag ab – beim Turnier arbeiten wir wortwörtlich unter Wettkampfbedingungen. Doch in der Unfallchirurgie sind wir es gewohnt, ständig mit neuen Situationen konfrontiert zu werden und schnell Entscheidungen treffen zu müssen. Und wir haben bereits bei anderen Sportevents Erfahrungen gesammelt und unter anderem die Aktiven der UFC Fight Night – einer internationalen Kampfsportveranstaltung – medizinisch betreut. Tennis ist zwar eine neue Disziplin in unserem Portfolio, aber wir freuen uns sehr auf die Begleitung des Events und bringen umfassende Expertise mit.

Was ist das Besondere an der Versorgung der Profiathletinnen?

Tennis gehört zu den sogenannten Start-Stop-Sportarten. Das heißt, die Bewegungen wechseln sich ständig ab zwischen explosivem Starten und Beschleunigen, abruptem Abbremsen sowie schnellen Drehbewegungen und Richtungswechseln. Für die Aktiven bedeutet das kontinuierliche, kurze, intensive Belastungsspitzen, was vor allem ein gesteigertes Verletzungsrisiko im Bereich der Sehnen, Bänder, Knie und Sprunggelenke zur Folge hat. Genau auf diese Bereiche legen wir medizinisch unseren Fokus – auch wenn die Athletinnen natürlich eine hervorragende Physis mitbringen und dadurch bestens gewappnet sind.

Laien ist der berühmte „Tennisarm“ ein Begriff – eine Verletzung, die man sich mitunter bei der Gartenarbeit oder bei der Arbeit am Computer zuzieht. Haben auch Profisportlerinnen damit zu kämpfen – so, wie es die Bezeichnung vermuten lässt?

Das ist prinzipiell möglich, denn das Ellenbogengelenk wird beim Tennis besonders gefordert. Allerdings besitzen Profisportlerinnen, wie erwähnt, eine ganz andere Physis als Laien: Ihre Muskulatur wird gezielt aufgebaut und trainiert – außerdem profitieren sie von Dehnungs- und Lockerungsübungen. Patientinnen und Patienten, die aufgrund einer klassischen Überlastung des Ellenbogens zu uns in die Klinik kommen, unterscheiden sich in dieser Hinsicht von den Athletinnen. So oder so gilt es, bei Beschwerden zunächst strukturelle Schäden wie beispielsweise eine Rotationsinstabilität auszuschließen. Im Anschluss wird der Tennisarm zumeist konservativ behandelt – eine Operation gilt als letztes Mittel, um Beschwerden zu lindern und im Idealfall vollständig zu beheben.

Fernab des Tennisarms – was sind die häufigsten Verletzungen, die Tennisspielerinnen und -spieler plagen?

Im Amateurbereich sind Probleme mit der Achillessehne sowie im Knie extrem häufig zu beobachten. Auch Schulterverletzungen spielen eine Rolle. Letztendlich resultieren sämtliche Verletzungen aus der beim Tennissport hohen Belastung für Gelenke und Bänder. Auffällig ist zudem, dass viele Verletzungen schleichend entstehen. Das unterstreicht, wie wichtig Prävention ist – gerade im Amateurbereich.

Sie leisten die medizinische Versorgung am Center Court nicht allein, sondern mit einem ganzen Team. Geben Sie uns einen exklusiven Einblick: Wie sieht die Arbeitsverteilung hinter den Kulissen aus und was passiert, wenn plötzlich mehrere Spielerinnen parallel medizinische Hilfe benötigen?

Wir haben unseren Einsatz minutiös geplant, sind mit Physiotherapeutinnen und -therapeuten sowie insgesamt acht Ärztinnen und Ärzten beim Turnier vertreten, die sich jeweils abwechseln und auch nachts Rufdienste übernehmen. Anvisiert ist, dass immer mindestens zwei ärztliche Kolleginnen und Kollegen vor Ort ansprechbar sind. Darüber hinaus bringen wir umfassendes Equipment mit – vom Defibrillator über ein mobiles Ultraschallgerät bis hin zum Material für die Wundversorgung. Wir hoffen natürlich, dass den Sportlerinnen schwere Verletzungen erspart bleiben. Doch für den Notfall sind wir bestens gerüstet und können im Zweifel natürlich auch eine schnelle Versorgung in unseren Hamburger Asklepios Kliniken organisieren. Unser Ziel ist klar: Erstversorgung auf Topniveau und – wenn nötig – nahtlose Weiterbehandlung in unseren Kliniken.

Wenn Sie die Spitzenathletinnen auf dem Platz beobachten: Welchen orthopädischen Fehler machen wir Amateursportler:innen häufig – und wie können wir ihn ganz simpel abstellen, um unsere Gelenke zu schonen?

Der größte Fehler ist nicht technischer, sondern struktureller Art: Viele gehen auf den Platz, ohne ihre körperlichen Grundlagen ausreichend trainiert zu haben. Dabei belegen Studien, dass gezieltes Kraft- und Stabilisationstraining das Verletzungsrisiko deutlich senken kann – vor allem durch die bessere Führung von Gelenken. Mein klarer Rat lautet daher: die Rumpf- und Beinmuskulatur gezielt trainieren, das Aufwärmen ernst nehmen und Belastungen langsam steigern. Im Profisport ist das Standard – im Amateurbereich leider noch nicht. Dabei ist es die beste Form der Verletzungsprävention.

Herr Dr. Proksch, vielen Dank für das Gespräch.