„Der Rothenbaum ist mein
absolutes Lieblingsturnier”

Rudolf Molleker, den alle nur „Rudi“ nennen, war in den vergangenen drei Jahren der junge, wilde Publikumsliebling bei den Hamburg European Open. 2017 als 16-Jähriger kämpfte er sich durch die Qualifikation in sein erstes ATP-Hauptfeld, 2018 bezwang er in der ersten Runde den spanischen Dauerbrenner David Ferrer, und 2019 schlug er zum Auftakt den zweifachen Rothenbaum-Sieger Leonardo Mayer aus Argentinien. Der 19 Jahre alte deutsche Nachwuchsstar traf sich in dieser Woche virtuell mit unserem Stadionsprecher Matthias Killing zum Instagram-Live-Talk auf dem Account der Hamburg European Open. Hier veröffentlichen wir Auszüge aus dem Gespräch, in dem der Oranienburger unter anderem über die coronabedingte Tennis-Zwangspause, sein neues Hobby Gameplay-Streamen, sein Idol Roger Federer und seine Liebe zum Hamburger Rothenbaum spricht.

Matthias Killing: Wie geht es dir?

Rudi Molleker: Ganz gut. Ich habe am Montag angefangen, wieder Tennis zu spielen, meine Hände sind dementsprechend mit Blasen bedeckt. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel Spaß es mir gemacht hat, endlich wieder auf dem Platz zu stehen.

Killing: Wie lange hast du kein Tennis gespielt?

Molleker: Das waren fast zwei Monate sogar. Ich hatte am Anfang des Jahres ein paar Schwierigkeiten. Ich konnte wegen einer Rückenverletzung die Australian Open nicht mitspielen und hatte in dieser Phase ohnehin eine etwas schwierige Zeit. Also habe ich eine kleine Auszeit vom Tennis genommen. Als ich dann wieder anfing, eigentlich ein Challenger spielen wollte und mich ready gemacht habe für die Sandplatzsaison, kamen die Corona-News, der Lockdown und die Turnierabsagen. Seitdem habe ich wirklich gar kein Tennis mehr gespielt.

Killing: Heißt das, du hast diese Zwangspause auch als willkommene Auszeit genutzt, um im Kopf wieder frei zu werden?

Molleker: Auf jeden Fall. Die Zwangspause hat mir sehr gut getan. Die Zeit ohne Tennis war für mich ehrlich gesagt gar nicht so schwer. Ich hatte im Verlauf des letzten Jahres mit Verletzungsrückschlägen zu kämpfen, das war ich nicht gewohnt. Damit musste ich erst einmal lernen, umzugehen. Ich habe mir viel Zeit gelassen, über viele Sachen nachgedacht, ich habe nebenbei das Gameplay-Streamen als Hobby für mich entdeckt – das heißt, ich streame mich selbst auf der Plattform Twitch, während ich Playstation spiele. Ich habe aber trotzdem mit Papa zu Hause Fitness gemacht, ich bin laufen gewesen und habe mich fit gehalten. Ich habe das gemacht, was zu Hause im Garten möglich ist. Und irgendwann habe ich Tennis dann vermisst, und jetzt habe ich den Spaß am Tennis für mich wiederentdeckt. Jetzt sehe ich das auch nicht mehr nur als Arbeit, sondern wieder als mein Hobby an, meine Leidenschaft. Das, wovon ich mein Leben lang geträumt habe.

Killing: Klär uns bitte kurz auf: Welche Verletzungen hattest du genau?

Molleker: Ich hatte im letzten Jahr viele Probleme mit meinem Ellbogen, ich habe verschiedenste Therapien ausprobiert. Zwischendrin habe ich dann Pause gemacht und gehofft, dass es besser wird. Es kamen aber immer wieder Rückschläge. Mein letztes Turnier war tatsächlich in Hamburg, das Challenger im Oktober. Ich hatte anschließend eine Preseason im Winter wie jeder andere Tennisspieler auch, habe mich auf die Australian Open vorbereitet, war zwei bis drei Wochen in der TennisBase Oberhaching in Bayern. Und eine Woche vor meinem Abflug nach Australian habe ich in Berlin trainiert, und plötzlich ist etwas in meinem Rücken passiert. Zack! Ich konnte die Treppen nicht mehr hochgehen, sondern nur noch hochkrabbeln. Seitdem hatte ich Rückenprobleme. Aber jetzt bin ich zum Glück wieder gesund.

Killing: Sprechen wir über unsere Hamburg European Open …

Molleker: Ich bete, dass das Turnier in diesem Jahr stattfindet. Ich habe schon gehört, dass alles versucht wird, damit es in den September verlegt wird.

Killing: Verfolgst du auch die Baumaßnahmen für das Stadion, das für zehn Millionen Euro modernisiert wird?

Molleker: Auf jeden Fall! Ich habe mir das Animationsvideo angeguckt; die Vision sieht unglaublich aus! Und ich habe die Fotos vom neuen Dach gesehen. Hoffentlich darf ich das neue Center-Court-Feeling bald selbst erleben. Das ist DAS Turnier, bei dem ich mich persönlich immer am wohlsten fühle.

Killing: Was bedeutet dir der Hamburger Rothenbaum?

Molleker: Der Rothenbaum ist für mich das Highlight des Jahres. Ich habe krasse Erinnerungen an die vergangenen drei Jahre und verbinde mit Hamburg unglaubliche Emotionen. Mit 16 durfte ich auf einem fast vollen Center-Court spielen und habe meine erste La Ola bekommen, die Du, Matthias, angestiftet hat. Ich erhalte nirgends so einen krassen Support wie in Hamburg. Jedes Jahr, wenn ich ins Stadion einlaufen darf, merke ich, wie sehr die Leute mich unterstützen. Hamburg ist mein absolutes Lieblingsturnier.

Killing: Du bist wie Alexander Zverev jemand, der die Zuschauer mitnimmt. Könntest du dir aktuell vorstellen, Showmatches ohne Zuschauer zu bestreiten?

Molleker: Für Showmatches bin ich immer bereit. Aber ohne Publikum zu spielen, ist für mich komisch. Ich durfte ja diese super Erfahrung machen in Hamburg mit dem vollen Stadion, das genieße ich, DAS ist für mich Tennis, DAS sind die Emotionen, die ich aus Tennis leidenschaftlich ziehe. Ohne diese Leute zu spielen, ist für mich nicht dasselbe. Publikum gehört dazu. Die Emotionen, die ich in Hamburg hatte, hätte ich niemals erlebt ohne die Zuschauer, die dort waren – sei es beim Jubeln nach den Matches oder während der Matches in einer Down-Phase, als die Leute mich aufgemuntert haben.

Killing: Du warst schon mal als Kind live in diesem Stadion, richtig?

Molleker: Ja, ich war bei einem der beiden Endspiele Roger Federer gegen Rafael Nadal noch zu Masterszeiten. Ich war sehr jung und habe mir das Match oben auf der Tribüne angeguckt. Das war ein unglaubliches Erlebnis!

Killing: Roger Federer ist auch dein Idol. Hast du ihn mal kennengelernt?

Molleker: Ich habe tatsächlich mal mit Roger gesprochen, er ist ein unglaublicher Kerl. Ich habe ihn kennenlernen dürfen beim Rasenturnier in Stuttgart. Mein damaliger Coach Jan Velthuis hat mich dazu gerufen: „Komm mal her, komm mal schnell her!“ Ich durfte mich dann an den Tisch dazu setzen und mit Roger reden. Er war super entspannt. Wir haben zusammen gegessen und über dies und das geredet. Seitdem erinnert er sich an mich und grüßt er mich auf jedem Turnier. Er ist wirklich ein cooler Typ.

Killing: Auch an dich werden hohe Erwartungen gestellt. Du giltst als das größte deutsche Talent nach Alexander Zverev. Du hast schon sehr früh medial stattgefunden, ich erinnere ich noch, dass ich schon mit dir als Zwölfjährigem in Berlin einen Fernsehbeitrag für KIKA gedreht habe. Wie gehst du mit diesen medialen Erwartungen um?

Molleker: Manchmal liest man den ein oder anderen Artikel. Meiner Meinung nach sind die Überschriften manchmal zu enorm. Der nächste Boris Becker oder der nächste Sascha Zverev – das bin ich nicht. Ich bin Rudi Molleker. Was aus mir wird, weiß keiner. Es ist immer schwer, eine Person mit der anderen zu vergleichen. Sascha hat eine unglaubliche Karriere, Boris hatte eine unglaubliche Karriere. Jeder geht seinen eigenen Weg.

Killing: Du hast dich im vergangenen Jahr für zwei Grand-Slam-Hauptfelder qualifiziert – in Australien und bei den French Open. Aktuell stehst du auf Platz 189 der Weltrangliste. Was ist für dich der nächste sportliche Schritt?

Molleker: Der nächste große Sprung wären die Top100. Das habe ich letztes Jahr schon angestrebt, und in diesem Jahr ist das wieder mein Ziel. Momentan ist das natürlich nicht zu verwirklichen ohne Turniere. Der Sprung in die Top100 ist der schwierigste, das ist nochmal ein Meilenstein. Nicht ohne Grund dauert es bei mir jetzt schon etwas länger.

Killing: Was wäre dein Traumpokal?

Molleker: Das größte Ziel eines Tennisspielers ist immer ein Grand Slam. Ich würde mir Roland Garros aussuchen. Aber meinen ersten ATP-Titel würde ich, wenn ich es mir erträumen darf, am liebsten am Rothenbaum gewinnen.